Tag 2 – Auf den Spuren der Revolution und ihrer Helden
Die erste Nacht in Santiago de Cuba war erstaunlich ruhig und bequem. Selbst die Wandöffnungen zu den Zimmernachbarn waren weniger störend als gedacht. Der Vorteil war auch, dass man alle paar Minuten einen neuen Wecker von den Nebenzimmern gehört hat und so immerhin nicht verschlafen konnte. 😀 Unser Wecker klingelte bereits morgens 6:00 Uhr, denn wir wollten den Sonnenaufgang beobachten. Direkt vor unserem Zimmer standen nämlich ein paar Palmen, die eine super Kulisse abgaben! Und da noch genug Zeit bis zum Frühstück war, stellen wir uns gleich einer weiteren Herausforderung in Kuba – dem Internet.
Um in Kuba das Internet zu nutzen, braucht man erst mal eine Internetkarte, die es z.B. an fast allen Hotelrezeptionen zu kaufen gibt. Diese Rubbelkarten haben einen Code, mit dem man sich dann einloggen und je nach Karte für 30 Min bis 5 Std das Netz nutzen kann. Vorher muss man allerdings einen der rund 1000 WLAN Hotspots in Kuba suchen. Zu erkennen sind sie an größeren Menschenansammlungen, meist in Parks oder auf öffentlichen Plätzen. 🙂
Nahezu alle Hotels bieten ebenfalls einen WIFI Hotspot an. In den letzten Jahren hat man versucht, das DSL Netz auszubauen und einen Teil der Haushalte anzuschließen, was bei Kosten von 15 CUC/Monat für einen 1-MBit Anschluss aber kaum bezahlbar war. Zur Erinnerung, der Duschschnittslohn beträgt 15-20 CUC! Vor wenigen Tagen erfolgte in Kuba nun ein großer Schritt in Richtung Fortschritt! Landesweit wurde der Zugang zum mobilen 3G Netz eröffnet. Zwar muss man auch hier Datenpakete kaufen, aber man ist nicht mehr auf die Hotspots angewiesen. Mal sehen, wie das so läuft.
Wir haben uns also Karten gekauft um zu sehen, wie viel wir vom Weltgeschehen der letzten 2 Tage verpasst haben und haben dabei zwei Erkenntnisse gewonnen. 1. Eine Rubbelkarte sollte man nicht zu stark freirubbeln, sonst hat man (wie in meinem Fall) nicht die Zahlen freigerubbelt, sondern die Karte durchlöchert… 😀 Und 2. stellten wir fest, nichts wirklich verpasst zu haben. Auch gut. 🙂 Dann konnten wir ja beruhigt zum Frühstück gehen. Die Auswahl war diesmal mehr als bescheiden und auch wenn wir bereits um 8:00 Uhr beim Frühstück waren, gab es nur noch ein paar Reste vom kleinen Buffet. Dann gibt’s halt wieder einmal Spiegelei mit Weißbrot und ein paar Stücken Papaya…
Kurze Zeit später um 8:45 Uhr war Abfahrt angesagt. Zum Glück hatten wir uns morgens für ein luftiges Kleid entschieden!! Denn was wir nicht wussten war, dass es in Santiago immer heißer als im Rest der Insel ist und, dass genau dieser Tag einer der heißesten werden sollte. Bis auf 37°C war das Thermometer geklettert – das sind doch Temperaturen, die mir gefallen! 🙂 Wir fuhren also ins Stadtzentrum von Santiago, sammelten die Komfortgruppe im vornehmen Melia Hotel ein und begannen unsere Stadtrundfahrt. Santiago de Cuba ist Kubas zweitgrößte Stadt (ca. 450.000 Einw.) und gilt als Stadt der Musik, als Ursprung der Revolution und als New Orleans Kubas. Sie ist eine der ältesten Städte des Landes und war von 1524 bis 1607 sogar Hauptstadt. Seine Hauptmerkmale „verdankt“ Santiago unter anderem der Haitianischen Revolution Ende des 18. Jh., in der viele Kaffee- und Zuckerfarmer mit ihren Sklaven aus Haiti nach Kuba kamen. Generell war die Stadt eine der ersten Anlaufstellen für die eingeschleppten Sklaven aus Westafrika. Sie haben das kulturelle, musikalische und soziale Stadtbild geprägt. Noch heute ist der Anteil an dunkelheutigen Kubaner in Santiago mit fast 25% so hoch wie in keiner anderen Stadt des Landes. Was ich besonders beeindruckend fand, war die Aussage unseres Reiseleiters, dass es in Kuba praktisch keinen Rassismus gibt! Die Menschen bezeichnen sich zwar als Schwarz oder Weiß oder Mulatten aber ohne dies mit einer Wertung zu verbinden! Sie sind allesamt Kubaner mit unterschiedlichen Wurzeln und Traditionen. Wenn man ein wenig recherchiert findet man dazu aber auch sehr gegensätzliche Aussagen! Von wegen der Rassismus sei immer noch ein aktuelles Problem, welches vom Castro-Regime einfach als nicht existent bezeichnet wird und keine gegenteiligen Äußerungen duldet… Ich selbst habe zu wenig Zeit im Land verbracht, um das korrekt beurteilen zu können. Mein Eindruck allerdings war, dass die Menschen egal welcher Hautfarbe extrem neutral miteinander umgegangen sind!
Unser erster Halt war das Viertel „Vista Alegre„, das Nobelviertel der Stadt, voll mit knallbunten Villen aus der Kolonialzeit. Damals wohnte hier die reiche Oberschicht, die sogar eine eigene Straßenbahnlinie bekam. Heutzutage findet man in den Gebäuden Museen, Schulen und Kindergärten oder sie sind tatsächlich immer noch im Privatbesitz einiger Familien. An der Fassade lässt sich leicht erkennen, ob die Menschen gut verdienen oder Verwandte im Ausland haben und regelmäßig Geld für die Sanierung erhalten. Oder ob es einfache kubanische Familien sind, die dem Verfall gegenüber machtlos sind. Generell ein weit verbreitetes Problem auf Kuba… Wir spazierten an einer der Hauptstraßen entlang und bestaunten die oftmals großartig restaurierten Gebäude in türkis, blassrosa und knallblau. Verena hat hier auch das perfekte Haus für sich gefunden – ein Traum in Rosa! 😛
Weiter ging es zu einem der wichtigsten Orte der Stadt, dem Revolutionsplatz am Eingang der Stadt. Seit 1991 gibt es den „Plaza de la Revolución Mayor General Antonio Maceo Grajale“ in dessen Mitte sich eine riesige Bronzestatue befindet. Sie stellt Antonio Maceo dar, einen der wichtigsten militärischen Führer der Unabhängigkeitskriege gegen die Spanier. Auf einem Pferd sitzend fordert er die Kubaner dazu auf, sich ihm anzuschließen. Die 23 Säulen davor stehen für Macheten, mit denen die Kubaner gekämpft haben. Die immer größer werdenden Macheten stellen den immer stärkeren Willen der Menschen dar! Der Platz wird für Großveranstaltungen und Kundgebungen aller Art genutzt und bietet Platz für 150.000 Menschen.
Nächstes Ziel war die Moncada Kaserne. Ein großes, gelbes Gebäude auf dem in großen Ziffern und Buchstaben die Aufschrift „26 Julio“ zu sehen ist. Als Militärkaserne gegründet war sie vor der Revolution das zweitgrößte militärische Quartier von Batista bis sie am 26. Juli 1953 unter der Führung von Fidel Castro gestürmt wurde. Mit insgesamt 135 Mann wurden am selben Tag unter seiner Leitung die Moncada Kaserne und die Céspedes Kaserne in Bayamo angegriffen um das Recht auf Widerstand durchzusetzen.
Da gerade Karnevalszeit war hoffte Castro, die Soldaten wären von den Feierlichkeiten abgelenkt. Doch der Anschlag misslang und neben 19 Soldaten kamen auch 6 seiner Angreifer ums Leben. Von da an war der Student Fidel Castro landesweit bekannt und der 26. Juli als Beginn der kubanischen Revolution festgelegt worden. Der 26. Juli ist mittlerweile Nationalfeiertag und überall im Land sieht man das Datum auf Häusern, Flaggen und Mauern geschrieben.
Heutzutage befindet sich in dem Gebäude eine Schule mit weitläufigen Sportanlagen und natürlich auch ein Revolutionsmuseum, welches wir uns ansahen. Am Eingang sieht man immer noch die Einschusslöcher des Übergriffs! Neben Originaluniformen der Angreifer, die mit Blut und Schweiß befleckt sind, findet man auch Waffen, Bilder der einzelnen Personen und einen Lageplan mit den genauen Infos darüber, wer wann und wo erschossen wurde. Schon etwas seltsam durch die Räume zu laufen, mit dem Wissen, das hier Menschen umgebracht wurden…
Und da wir schonmal beim Thema Tod waren, passte der anschließende Besuch des Friedhofs Cementerio Santa Ifigenia ganz gut. 😛 Er ist einer der bekanntesten von ganz Kuba, denn unter den 8000 (!!) Gräbern sind auch die Gräber der wichtigsten historischen Personen von Kuba. Neben Fidel Castro und vielen Revolutionären sind auch Carlos Manuel de Céspedes, die Familie Bacardi und Compay Segundo hier begraben. Compay Segundo war ein großartiger kubanischer Musiker, der spätestens durch die CD Buena Vista Social Club und den nachfolgenden Film von Wim Wenders von 1998 weltbekannt wurde. Den Mittelpunkt des Friedhofs bildet allerdings das Mausoleum von Kubas Dichter und Nationalhelden José Martí.
Er gilt als Symbol für die Unabhängigkeitsbewegung der Kubaner und hat sich, ohne sich auf die Seite der kommunistischen oder sozialistischen Partei zu stellen, für die Rechte der Einheimischen in Lateinamerika eingesetzt. Zusätzlich war er Dichter, Poet und Kinderbuchautor und ist noch immer eine große Nummer in der Weltliteratur. Übrigens stammen auch die Zeilen der heimlichen Nationalhymne Kubas „Guantanamera“ aus seiner Feder!
Sein Leichnam befindet sich also in einem Sarg, der im Innern eines 24 Meter hohen Granitturms aufbewahrt und von einer Ehrenwache bewacht wird. An den Innenwänden des Turms hängen die Wappen aller damals 6 Provinzen von Kuba. (Mittlerweile sind es übrigens ganze 15 Provinzen!) Die Wache wechselt alle 30 Minuten wobei dies jedes Mal ein feierlicher Akt zur Musik von Elegía a Martí mit einer genau festgelegten Choreografie ist. Andächtig sahen wir uns das Ganze an während wir unter freiem Himmel bei fast 40°C in der Sonne grillten. Ein bisschen so, wie die Performance der Wache vor dem griechischen Parlament auf dem Syntagma Platz in Athen 🙂 Anschließend machten wir einen Rundgang über den Friedhof und sahen uns die unterschiedlichsten Gräber und ihre Granitformationen an.
Das sollte es dann erst mal zur „aktuellen Vergangenheit“ Kubas sein. Unser nächster und letzter Tagespunkt
war nämlich die Festung „Fortaleza de San Pedro de la Roca del Morro“ kurz Morro Festung. Sie wurde von 1638-1700 errichtet und sollte die Bucht von Santiago vor Piratenüberfällen schützen. Immer wieder wurde die terrassenartige Anlage erweitert und diente zeitweise auch als Kaserne und Gefängnis. Zwar wurde sie oft beschädigt und wieder aufgerichtet, doch die strategisch gute Ausrichtung beschützte die Stadt vor allen Angriffen, die von der Seeseite kamen. Heute ist sie das besterhaltendste Beispiel der spanisch-amerikanischen Militärarchitektur und wurde sogar zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt! Im Innern gab es eine Art Piratenmuseum, Kanonen und Kugeln und
Modelle der Festung zu begutachten. Und ganz abgesehen davon, war der Blick von der Festung auf die Bucht von Santiago umwerfend!! Gleich zu Beginn mussten alle Reisenden mit Kamera entweder eine Fotolizenz erwerben oder die Kamera abgeben! Irgendwie ging das aber an mir vorbei und ich lief mit meiner Kamera in der Hand einfach an den Damen vorbei 😀 Ich wunderte mich zwar, warum vor allem mein Papa und andere Dauerfotografen keine Kamera mehr dabei hatten, aber so richtig verstand ich das erst gegen Ende der Besichtigung, als man mich fragte, was ich denn für die Lizenz bezahlt hatte…
Nach der Besichtigung waren es nur ein paar Schritte bis zum naheliegenden Restaurant El Morro, wo für uns reserviert war. Auch wenn das Lokal seiner Größe nach auf riesige Reisegruppen ausgelegt zu sein schien, dauerte die Bedienung unheimlich lange. Irgendwann wurde auch unser Guide Eduardo ungeduldig und fing an, die Bestellungen selbst aufzunehmen und Getränke zu servieren, damit mal etwas passierte. Später entschuldigte er sich auch ausgiebig für den schlechten Service im Lokal, aber was kann er schon dafür?? Auch wenn der Service nicht nur vom Timing sondern auch von der Freundlichkeit her eine Katastrophe war, konnte man nichts gegen die Qualität des Essens sagen! Der mega Panorama Ausblick über das Meer und die Festung retteten diese Erfahrung immerhin ein wenig… Der Weg vom Restaurant zum Bus war vollgepflastert mit Souvenirständen. Laut Eduardo sei es üblich, hier zu Handeln und tatsächlich traf man sich am Ende oft bei 50% des erst genannten Preises. Zu meinem eigenen Ärger war ich nur nicht entschlossen genug, mich gleich bei den ersten Gelegenheiten für ein paar Mitbringsel zu entscheiden, sondern ging erst mal weiter um die Angebote zu vergleichen. Leider waren in der Zeit genau die einzigen beiden Mitbringsel verkauft worden, für die ich mich interessiert hatte. So ein Ärger aber auch!! Und so sehr ich es bis zum Ende der Reise versuchte, konnte ich nirgendwo anders die schöne Holzfigur mit Maracas in den Händen oder schöne Maracas selbst finden. Die meisten Alternativen waren mir oft einfach zu bunt bemalt oder zu schlecht verarbeitet.. Ab da kam mir erstmals die Idee, vielleicht doch noch einmal nach Kuba zurück zu kommen 🙂
Nach diesem (für mich) Shoppingdesaster fuhren wir zurück zu unseren Hotels. Der Nachmittag wurde zur freien Verfügung gestellt. Den verbrachten wir dann aufgrund des Wetters am kleinen Hotelpool und gönnten uns ein paar der besten Mojitos der gesamten Reise. Am Ende des Pools versuchte eine Animateuse mit lautstarker Musik die paar Leute zum Tanzen zu bewegen, was ihr mehr schlecht als recht gelang. Meine Idee, statt am Pool zu liegen lieber in die Stadt zu fahren und auf eigene Faust durch die Straßen zu tigern wurde von Teilen der Familie leider abgelehnt. Die Alternative Mojito am Pool war jetzt nicht unbedingt schlecht, aber das wäre DIE Chance gewesen, etwas mehr von Santiago zu sehen. Den großen Platz am Parque Céspedes haben wir zum Beispiel gar nicht wirklich begucken können. Und dabei befinden sich hier die wichtigsten Gebäude der Stadtgeschichte! Das Rathaus, auf dessen Balkon Fidel Castro am 1. Januar 1959 den Sieg der kubanischen Revolution verkündete, die Casa Velázquez, ehemalige und eigens für den Stadtbegründer errichtete Residenz oder die Casa Grande, die zu den besten und teuersten Hotels Kubas zählt. Kommt alles auf die Liste für meinen nächsten Kubabesuch!! 😉
Die Sonne geht in Kuba im Winter leider relativ früh unter. Aber so hat man genug Zeit um sich vor dem Abendessen noch einmal zu duschen, auf die Palmen vor dem Balkon zu starren oder noch ein paar Minuten der Happy Hour mitzunehmen, in der die Cocktails nur halb so teuer waren. Ob es an der Happy Hour oder der Discobar lag weiß ich nicht, aber der Mojito hier war nicht annähernd so gut, wie zuvor an der Poolbar! Zum Abendessen gab es Reis (Surprise!) und wahlweise Schwein oder Hühnchen und ein paar andere Beilagen. Zum Nachtisch warteten Kuchen und Reispudding oder Milchreis auf uns. Diesmal hatte „Showtime Joe“ sogar Glück und konnte immerhin ein paar von uns für den Live-Abend mit kubanischer Musik begeistern. Die Band war wirklich echt gut, auch wenn die verwirrten Blicke von Showtime Joe auf die Musikanlage etwas anderes vermuten ließen. 🙂 Aber neben uns Deutschen war nur eine gemischte Gruppe mit Franzosen, Italienern und Osteuropäern aller Art anwesend, die sich allesamt nicht zum Tanzen bringen ließen. Die kleine Hand voll Kubaner, die ebenfalls da saß und natürlich zu tanzen begann, half da auch nicht viel. Neben denen sah man ja noch mehr nach Besenstiel aus! 😀 Der Bar Service war ebenfalls nicht so der Hammer. Hätten wir die Kellner nicht mehr als deutlich auf uns aufmerksam gemacht, wären wir wohl ohne Getränk oder sie am Ende ohne Geld ins Bett gegangen. Zu allem Übel schlich sich ab diesem Abend auch noch ein fieser Schnupfen bei mir ein, den ich die nächsten Tage mit mir herumschleppen musste. Vor dem ständigen Hin und Her von heißer Luft und kalter Klimaanlage wird ja nicht umsonst gewarnt.
Der Tag war aber ohnehin anstrengend genug gewesen und vor allem sehr Geschichts- und Revolutionslastig. Aber genau das sind nun mal wichtige Merkmale von Kuba und auch wenn ich mich ja sonst nicht wirklich für Geschichte interessiere, hat mich die Geschichte Kubas von Anfang an gefangen! Nach keiner anderen Reise habe ich mich so ausgiebig mit den verschiedenen Abschnitten der Geschichte eines Landes beschäftigt!! Schuld daran war aber auch unser Guide Eduardo, der zu jedem Ereignis taggenau die Daten parat hatte und ich beim Mitschreiben gar nicht hinterher gekommen bin. 🙂 Nach und nach kann ich aber die Fragezeichen in meinen Mitschriften in Ausrufezeichen ändern..

Soviel also zu unserem zweiten Rundreisentag in Kuba. Hiermit hatten wir den Osten des Landes abgeschlossen und waren bereit, von hier den Westen von Kuba zu erkunden. Die entsprechenden Berichte folgen selbstverständlich in den nächsten Tagen!! Also dann mal wieder viel Spaß mit den Bildern!